Am 22. August 2020 ist Earth Overshoot Day

Heute ist Earth Overshoot Day! Am heutigen Tage hat die Menschheit bereits alle natürlichen Ressourcen verbraucht, die die Erde dieses Jahr durch Reproduktion zur Verfügung stellen kann. Für den Rest des Jahres wird die Menschheit ihren Bedarf an natürlichen Ressourcen durch einen Eingriff in die Substanz decken. Seit heute schlagen wir Hölzer und fangen wir Fische, die nicht mehr nachwachsen können, und stoßen wir CO2 aus, das nicht mehr umgewandelt werden kann.

Berechnung des Earth Overshoot Day

Aber wie wird dieses Datum eigentlich berechnet? In der Tagespresse erfährt man hierzu nur wenig Konkretes. Auch das Global Footprint Network mit Sitz im kalifornischen Oakland, das den Earth Overshoot Day bekannt gibt, bleibt auf der eigens eingerichteten Website www.overshootday.org und auch in seiner Pressemitteilung zum Earth Overshoot Day 2020 im Vagen. Erst nach einem Eintauchen in die verschiedenen, über die Website verstreuten Einzelangaben und in das Datenrepositorium werden die eigentlichen Berechnungen nachvollziehbar.

Grundlage der Berechnungen sind öffentlich verfügbare Daten, die zum größten Teil von den Vereinten Nationen und von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen bereitgestellt werden.

Rechengrößen sind der ökologische Fußabdruck und die Biokapazität. Der ökologische Fußabdruck bezeichnet dabei die Menge biologisch produktiver Land- und Meeresflächen, die erforderlich sind, um alle von einer Bevölkerungsgruppe verbrauchten Ressourcen zu produzieren und deren CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger und aus der Zement-/Betonproduktion zu absorbieren. Die Biokapazität hingegen bezeichnet die in einem bestimmten Gebiet vorhandene Menge biologisch produktiver Land- und Meeresflächen, die für die Deckung des Fußabdrucks zur Verfügung stehen. Übersteigt die Biokapazität den Fußabdruck, besteht eine ökologische Reserve; übersteigt der Fußabdruck die Biokapazität, liegt ein Ökodefizit vor, d.h. das entsprechende Gebiet muss dieses Defizit durch Handel ausgleichen, es muss die Biokapazität reduzieren oder es muss CO2-Emissionen in die Atmosphäre abgeben.

Recheneinheit ist der „globale Hektar“ (gha). Er bezeichnet einen Hektar (10.000 m²) biologisch produktives Land mit einer in globaler Hinsicht durchschnittlichen Produktivität. Die insoweit herangezogenen Flächen setzen sich zusammen aus den Teilflächen Ackerfläche, Weidefläche, Fischgründe, Wälder sowie bebautes Land. Diese Teilflächen werden mit bestimmten Faktoren multipliziert, um unterschiedliche Produktivitätsraten zu berücksichtigen. So waren z.B. im Jahr 2008 Ackerflächen 2,51-mal so ertragreich wie sämtliche Flächen im Durchschnitt. Zudem waren Ackerflächen in Deutschland 2,21-mal so ertragreich wie Ackerflächen im globalen Durchschnitt. Ein Hektar Ackerfläche in Deutschland entspricht damit 5,55 gha (2,51 x 2,21 = 5,55).

Die letzten öffentlich zur Verfügung stehenden Zahlen stammen aus 2016. In diesem Jahr betrug die Biokapazität der Erde 12,2 Milliarden gha und betrug der ökologische Fußabdruck der gesamten Menschheit 20,5 Milliarden gha.

Die eigentliche Berechnung des Earth Overshoot Day erfolgt, indem man die Biokapazität der Erde durch den ökologischen Fußabdruck der Menschheit teilt und diesen Wert dann mit 365 multipliziert. Für 2016 ergibt diese Rechnung die Zahl 216,5. Dies bedeutet, dass im Laufe des 217. Tages des Jahres 2016 die Biokapazität aufgebraucht war und ein Defizit entstand. Teilt man hingegen den Fußabdruck durch die Biokapazität, erhält man den Wert 1,69. Der Fußabdruck überstieg die Biokapazität der Erde also um den Faktor 1,69, so dass im Jahr 2016 genau 1,69 Erden benötigt wurden, um den Fußabdruck zu decken. Der 217. Tag des Jahres 2016 war der 1. August. Aus den entsprechenden Daten für das Jahr 2020 folgt der 22. August.

Nationale Überlastungstage

Die Daten des Global Footprint Network ermöglichen es auch, den Verbrauch der Bürger einzelner Länder hochzurechnen und so den nationalen Overshoot Day zu bestimmen, also den Tag, auf den der Earth Overshoot Day fallen würde, wenn der Verbrauch jedes einzelnen Menschen weltweit dem Verbrauch des durchschnittlichen Bürgers des betreffenden Staates entsprechen würde.

Deutschland hatte seinen nationalen Overshoot Day am 3. Mai begangen. Die beiden Länder mit den (gemessen an den Maßstäben des Global Footprint Network) verschwenderischsten Bürgern sind Katar und Luxemburg. Legt man den katarischen bzw. luxemburgischen Ressourcenverbrauch zugrunde, wäre Earth Overshoot Day bereits am 11. bzw. 16. Februar gewesen. Die kleinsten ökologischen Fußabdrucke hinterlassen die Bürger von Eritrea und Timor-Leste; entsprechende nationale Überlastungstage gibt es nicht, weil die Menschheit, würde sie in den Verhältnissen von Eritrea oder Timor-Leste leben, die Biokapazität der Erde nicht beeinträchtigen würde.

Weiterhin lässt sich auch die jeweilige nationale Biokapazität ins Verhältnis zu dem nationalen Fußabdruck setzen. So liegt z.B. die Biokapazität von Finnland bei 102 % über dem ökologischen Fußabdruck des Landes, d.h. Finnland könnte noch ein zweites Land mit dem gleichen Fußabdruck abdecken, ohne seine Biokapazität zu verringern. Der Fußabdruck von Deutschland liegt bei 199 % der Biokapazität, d.h. es wäre das doppelte der derzeitigen Biokapazität zusätzlich – insgesamt also das dreifache der Biokapazität – erforderlich, um den Fußabdruck des Landes zu decken.

Das insoweit größte Ökodefizit hat Singapur zu verzeichnen: Der Fußabdruck des Landes übersteigt seine Biokapazität um fast 10.000 %. Das andere Extrem bildet Französisch-Guayana, wo die Biokapazität den Fußabdruck um fast 4.000 % übersteigt. In Laos, Venezuela, Honduras, Mali und der Ukraine halten sich Biokapazität und Fußabdruck ungefähr die Waage.

Entwicklung des Earth Overshoot Day

Unter Berücksichtigung der jeweils zur Verfügung stehenden Daten hatte die Menschheit erstmals im Jahr 1970 mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als die Erde zur Verfügung stellen kann. Der damalige Earth Overshoot Day fiel auf den 29. Dezember. Seitdem rückt der Stichtag kontinuierlich vor im Jahr und ist damit Ausdruck einer sich stetig intensivierenden Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen. Ausnahmen hiervon sind insbesondere Folge von Wirtschaftskrisen. So auch die Corona-Krise 2020: Der Lockdown in den meisten Ländern der Welt hat den ökologischen Fußabdruck der Menschheit in 2020 deutlich verringert. Der Earth Overshoot Day 2020 fällt daher gegenüber 2019 auf ein Datum gut drei Wochen später im Jahr. Der langfristige Trend dürfte damit aber nicht aufgehalten sein.

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